Mit Schwert, Schild und Kettenhemd

Mit Schwert, Schild und Kettenhemd

Von Montag bis Freitag ist Leandro Dober aus Thun Grundbauer im 2. Lehrjahr. Am Wochenende verschlägt es den 23-Jährigen aber regelmässig ein paar Jahrhunderte zurück: Dann tauscht er sein Handy gegen das Schwert und geht an Mittelaltermärkte.

Es ist heiss an diesem Samstagnachmittag in Kiesen bei Thun. Die Sonne brennt auf das grosse Feld und fast könnte man meinen, es sei eine Fata Morgana: Zwischen vielen weissen Zelten tummeln sich Männer, Frauen und Kinder in langen Gewändern oder schwerer Rüstung. In Sackleinen oder Kettenhemd, als Händler, Ritter oder Musikant unterwegs, lassen sie sich über den Mittelaltermarkt treiben, bewundern die Handwerkskunst oder lassen sich ein Bier aus einem Trinkhorn schmecken. Einer von ihnen: Leandro Dober, 23 Jahre alt, aus Thun, Grundbau-Lernender im 2. Lehrjahr. Doch Beruf und Herkunft sind an diesem Wochenende zweitrangig. An erster Stelle steht das Hobby, das hier alle vereint, egal ob jung oder alt, ob Banker oder Pflegefachfrau, ob Ritter oder Narr. Sie alle sind gekommen, um der Gegenwart den Rücken zu kehren und für zwei Tage zurück ins Mittelalter zu reisen.

VOM STANDAUFSTELLER ZUM FREIKÄMPFER
Eigentlich hat sich Leandro damals nur als freiwilliger Helfer gemeldet, um seinem Kollegen beim Standaufbau am Mittelaltermarkt Luzern zu helfen. «Das war vor sechs Jahren und seither bin ich mit dabei», erzählt er. Inzwischen ist er Mitglied im Mittelalter-Verein «Midgards Ulv Kjeden», hat einen eigenen Mittelalternamen, reist an Märkte und Veranstaltungen in der ganzen Schweiz und manchmal sogar bis nach Deutschland. «Ich war schon in Weil am Rhein und Bad Säckingen. Zum Glück ist meine Freundin auch Mittelalter-Fan, so können wir die Wochenenden zusammen verbringen.» Während die Freundin sich aber eher für die Schamanen und Magier der vergangenen Epoche interessiert, gehört Leandro alias «Arnfirn» zu den Kriegern. «Unser Verein hat keinen Marktstand, wir sind eher ein Heerlager, die meisten von uns sind Kämpfer und stehen in der Arena.» Arena? Auf dem Markt in Kiesen gibt es keine Arena, aber: «Als Krieger nehmen wir an Freikämpfen teil. Die sind oft Bestandteil von Mittelaltertreffen.» Der Freikampf ist ein ans Mittelalter angelehnter Kampf, Mann gegen Mann, Schwert gegen Schwert, in voller Montur. Es gibt sogar Weltmeisterschaften: Beim sogenannten «Battle of the Nations» belegt die Schweiz den zweiten Platz direkt hinter Russland.

36 KILO KETTENHEMD
Soweit ist Leandro aber noch nicht. Und heute ist er eher leicht bekleidet unterwegs. Er trägt eine Tunika und mittelalterkonforme Hosen sowie leichte Lederschuhe. Das liegt nicht nur an der Temperatur: «Ich habe noch nicht die ganze Ausrüstung beisammen. Mir fehlt zum Beispiel noch das Kettenhemd.» Dieses wird für den Kampf über den sogenannten Gambeson angezogen. Der Gambeson ist ein dicker, wattierter Mantel, der die Schwertschläge gut abfedert – und der einen heute ordentlich ins Schwitzen bringen würde. Dann kommen noch Helm, Schild und Schwert dazu. «Wer will, kann sich auch Bein- und Armschoner aus Leder besorgen, die sind aber nicht Vorschrift.» Ein nicht unbeachtlich grosses Schwert baumelt bereits an Leandros Hüfte. Darf man sich damit auf Schweizer Strassen zeigen? «Die Klinge ist nicht geschliffen und die Spitze ist stumpf. Ich kann mir das Schwert also ohne Probleme bereits zuhause umbinden und damit an den Markt fahren.» Heute will sich Leandro vor allem an den Ständen mit Waffen und Ausrüstung umsehen. Doch für ein richtig gutes Kettenhemd muss man tief in die Tasche greifen, kann es doch bis 3000 Franken kosten. Dafür bekommt man aber dann auch rund 36 Kilo Federstahl, die einem früher das Leben retten konnten!

… BIS EINER ZU BODEN GEHT
«Freikampf ist für mich der ideale Ausgleich zum Alltag», erklärt Leandro. «Um fit dafür zu sein, trainiere ich ein- bis zweimal pro Woche, vor allem Ausdauer. Manchmal laufe ich mit meiner Ausrüstung den Vita Parcours. Auch die Arbeit als Grundbauer gibt mir Kraft und Kondition.» Denn so ein Kampf hat es in sich: Es stehen sich je nachdem ein oder mehrere Kämpfer gegenüber, jeder in voller Montur. Erlaubt sind Hiebe und Schläge mit dem Schwert, zur Abwehr hat man Schild und Helm. Zustechen ist verboten. «Es ist sehr anstrengend, meistens dauert ein Kampf zwischen drei und fünf Minuten.» Der Kampf ist beendet, wenn einer der Kämpfer zu Boden geht oder sich freiwillig hinlegt. Bei einigen Kämpfen machen auch Frauen mit: «Bei manchen Freikämpfen geht es sehr unkonventionell zu und her. So ist es schon vorgekommen, dass die Gegner mit Bratpfannen aufeinander losgegangen sind.» Verletzungen sind übrigens sehr selten: «Wenn du siehst, dass ein Gegner irgendwo schlecht gerüstet ist, zielst du dort nicht hin.»

ANPROBE BEI HALVAR
Leandro hat sich inzwischen vorgearbeitet bis zum Stand von Jürgen «Halvar» Kogler. Bei «Halvar’s Wikingershop» gibt es alles, was das Krieger- und Mittelalter-Herz begehrt: Von der einfachen Tunika – eine Art langes Leinenhemd – über verschiedene Helm-Modelle bis hin zu riesigen Schilden und ja, genau, dem Kettenhemd. «Wir achten darauf, möglichst authentische Waren anzubieten», erklärt Jürgen Kogler. «Das ist natürlich nicht einfach, denn unser Wissen basiert auf Vermutungen und Untersuchungen. Das Ganze ist sehr spannend, es ist ‹gelebte Geschichte›, sozusagen.» Sagt er und beginnt umständlich, das schwere Kettenhemd von der Puppe zu lösen, um es Leandro über den Kopf zu ziehen. «Dieses Modell ist ein englisches Geflecht. Es ist eine einfache Machart, trotzdem mussten dafür zwischen 35 000 und 45 000 Federstahl-Ringe ineinander verflochten werden.» Leandro hat vorher den dicken Gambeson angezogen und gemeinsam mit Jürgen geht es an die komplizierte Kettenhemd-Anprobe. Ja, so ein Teil ist kein T-Shirt … anstelle von Weichspüler gibt’s Schmieröl und zum An- und Ausziehen braucht’s mehr als zwei Hände. Doch am Ende ist Leandro bestens gerüstet und mit ölverschmiertem Gesicht bereit, um es mit jedem aus der Dekade zwischen dem achten und zwölften Jahrhundert aufzunehmen!


Text: B. Magazin