Blick in die Röhre

Blick in die Röhre

Die Sanierung des Thuner Allmendtunnels ist in vollem Gange: Die A6 Richtung Spiez führt temporär über die alte Panzerpiste, während in der Tunnelröhre die Post abgeht. Zeitweise sind bis zu zehn Baustellen auf engstem Raum parallel in Betrieb.

Er ist in die Jahre gekommen, die Betonschicht bröckelt und die Fugen sind undicht. Die Rede ist vom Allmendtunnel auf der A6 bei Thun. Nach über 40 Betriebsjahren ist eine Sanierung dringend nötig. Doch es ist eine heikle Angelegenheit: Neben dem Panzerübungsgelände der Armee und dem Flugplatz Allmend in unmittelbarer Nähe der Baustelle birgt auch der Tunnel an sich einige Herausforderungen. Um überhaupt mit der Sanierung der beiden Röhren beginnen zu können, musste das gesamte Tunnelgewölbe erstmal gesichert werden. Insgesamt wurden 35000 Verbundeisenlöcher in die Mittelwand und das Gewölbe gebohrt – von Hand! Hinzu kamen 1800 teilweise bis zu einem Meter tiefe Löcher in der ersten Röhre im Mittelbankett und in den Nischen. Durch diese Kernbohrlöcher wurden bis über vier Meter lange Jettingsäulen erstellt. In den Nischen waren die Säulen sogar bis acht Meter lang. So steht der Tunnel inzwischen auf unterirdischen Stelzen und ist stabilisiert. «Die Jettingarbeiten waren spektakulär», so Martin Meichtry, Baustellenchef der Frutiger AG. «Wir haben von Januar bis Mai mit zwei grossen Bohrgeräten und 400 Bar Zement in den Untergrund gepumpt. Währenddessen konnten keine anderen Arbeiten in der Röhre gemacht werden.» Die Frutiger AG hat die technische Leitung und Federführung der Arbeitsgemeinschaft Allmendtunnel. Zusammen mit der Marti AG und der Kibag ist sie verantwortlich für die Tunnelsanierung und den Bau des Trassees.

Warnung via SMS
Für zusätzliche Sicherheit im Tunnel wurden insgesamt zehn Tachymeter mit über 650 Messspiegeln über die gesamte Tunnellänge von 900 Metern installiert. Sie überwachen jede Bewegung des Gewölbes und melden auch die kleinste Veränderung: «Bei der geringsten Abweichung bekomme ich eine SMS», so Martin Meichtry. «Es sind Tausende Meldungen pro Woche. Die meisten Abweichungen befinden sich aber im kleinsten Millimeterbereich und erfordern daher keine weiteren Massnahmen.» Erst bei Level 3-Meldungen würde es heikel werden – für diesen Fall wurde ein Stahlverbau erstellt, der allzeit bereit vor dem Tunnelportal steht und bisher zum Glück nicht zum Einsatz kam. Nach Abschluss all dieser Stabilisierungs- und Sicherheitsmassnahmen konnte Mitte Mai mit den eigentlichen Arbeiten im Tunnel begonnen werden. Dazu wurde die Röhre «Rita» für den Verkehr gesperrt. Die rund 50000 Fahrzeuge pro Tag passieren die Strecke Richtung Spiez während der Gesamtsanierung auf der temporär angelegten Autobahn auf der Panzerpiste der Allmend. «Die Röhre ‹Leo› Richtung Bern bleibt während der Sanierungsarbeiten von ‹Rita› in Betrieb. Umgekehrt fliesst dann der Verkehr Richtung Bern während der Sanierung von ‹Leo› in der sanierten Röhre» erklärt Meichtry. «Für uns heisst das, es müssen immer genügend Fluchtwege zwischen den Röhren offen sein, damit im Brandfall die Autofahrer den Tunnel über die Röhre ‹Rita› verlassen können. Auch die Rettungsfahrzeuge müssen die Baustelle jederzeit passieren können.»

Martin Meichtry Allmendtunnel

Warten auf den Dumper

Ein Blick in dir Röhre beweist es: Es ist eng und es ist voll vom Südende bis zur Mitte des Tunnels. Kaum vorstellbar wie es erst aussieht, wenn die Teams von der Mitte aus Richtung Norden her auch noch loslegen. Unter den zwei Polieren vor Ort arbeiten zurzeit rund 50 Männer am Aushub, Abbruch, Eisenlegen, Schalen oder sitzen in einer der zahlreichen Baumaschinen im engen Tunnelgewölbe. «Unsere Poliere Roland Schüttel und Thomas Küenzi haben eine unglaubliche logistische Aufgabe zu meistern», so Martin Meichtry. «Die verschiedenen Arbeitsschritte müssen Hand in Hand gehen, sobald jemand zu schnell oder zu langsam ist, stehen alle weiteren Baustellenabschnitte still.» Zudem müssen die Arbeiter im Tunnel stets alle sieben Sinne beisammenhaben: Da queren Dumper die enge Fahrbahn, der eine Bagger ist am Aushub, der andere spitzt Material aus der Wand und dann ist da noch der Mann mit dem Spritzbeton. Alles muss aneinander vorbeigehen – nur selten steht jemand tatenlos herum. Denn sobald der Bagger fertig ist mit schaufeln, schwenkt er zur Seite, lässt den bereitstehenden Dumper passieren und montiert ratz-fatz dank Oilquick-Schnellwechselsystem den Spitzhammer für den nächsten Abschnitt.

Text: B. Magazin