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«Es ist ein Privileg, eine so tolle Schule besuchen zu können»

Es ist ein Privileg, eine so tolle Schule besuchen zu können

Ismail Baliboz hat seine Lehre als Strassenbauer bei der H. Graf AG, Zufikon, mit der Traumnote 5,4 abgeschlossen. Er hat schon weitere Ziele im Visier, denn der Beruf gefällt ihm sehr gut.

Man merkt, der junge Strassenbauer ist Feuer und Flamme für seinen Betrieb. Für seinen Beruf ebenfalls. Mit grosser Begeisterung erzählt er von seiner Arbeit, von seinen Arbeitskollegen. «Als Strassenbauer arbeitet man immer im Team. Das gefällt mir. Ich mag es auch, wenn ich zupacken kann und die Arbeit draussen passt mir.» Dabei wollte er vor vielen Jahren Industriekaufmann werden. Das war in Deutschland, wohin er als Fünfjähriger mit seiner Familie geflüchtet ist. Geboren wurde er als Kurde in der Türkei. «Keine ideale Konstellation», wie er anmerkt. In seine ursprüngliche Heimat kann er derzeit nicht reisen. «Das wäre zu gefährlich.» Dafür gefällt es ihm in der Schweiz, wo er seit 2009 lebt, sehr gut.

Aufgewachsen ist er mehrheitlich in Düren, im Bundesland Nordrhein-Westfalen. Sein Vater machte sich mit einem Supermarkt selbstständig. So lernte Baliboz schon als Kind, welche Verantwortung Unternehmer tragen und dass sich harte Arbeit auszahlt. Nach dem Fachabitur begann er eine Ausbildung zum Industriekaufmann. «Aber ich wurde gleichzeitig auch zu Hause gebraucht, unterstützte meinen Vater in seinem Supermarkt. Die ständige Doppelbelastung wurde mir mit der Zeit zu viel», erläutert er. Also brach er die Ausbildung ab.

Erste Erfahrungen gesammelt
Es folgte ein Zwischenjahr in Frankreich, nach einem weiteren Jahr, das er wieder in Deutschland verbrachte, eröffnete ihm ein Cousin, der in Zürich lebte, er wolle eine Pizzeria eröffnen und suche einen Partner. Baliboz zögerte nicht, die Chance zu ergreifen. Allerdings zeigte es sich mit der Zeit, dass seine Vorstellungen und die des Cousins nicht die gleichen waren, vor allem in finanzieller Hinsicht. Weil es ihm in der Schweiz gefiel, beschloss Baliboz zu bleiben. Er jobbte da und dort, wo gerade jemand gesucht wurde, häufig auf dem Bau, «mehrheitlich aber im Hochbau», wie er präzisiert. Nach einiger Zeit und mehreren Pächterwechseln wurde ihm angeboten, die Pizzeria, die er einst mit seinem Cousin aufgebaut hatte, nun in Eigenregie zu führen. Baliboz sagte gerne zu und brachte das Restaurant wieder zum Florieren. Trotz der vielen Arbeit und Verantwortung gefiel es ihm in der Gastronomie. Wenn da nicht dieser Gedanke gewesen wäre: «Du gehst schon auf die 30 zu und hast noch keine abgeschlossene Ausbildung», sagte er sich immer wieder. Das beunruhigte ihn. Die Selbstständigkeit erschien ihm, trotz des Erfolges, zu unsicher, da er mangels eines Berufsabschlusses im Falle eines Falles keine Alternativen hatte.

Der Zufall wollte es, dass ein Polier der H. Graf AG häufig bei ihm ass und ihm immer wieder erzählte, dass er in einem tollen Betrieb arbeitete. Er schilderte Baliboz auch die Vorzüge, die einem der Beruf des Strassenbauers bietet. «Was mich beeindruckte, waren die vielen Möglichkeiten», erzählt er, der heute ebenfalls Strassenbauer ist. «Mein Stammgast war noch keine 30 und befand sich bereits in einer Chefposition. In welchen Branchen bekommt man schon solche Möglichkeiten!» Also begann er sich mit der Idee auseinanderzusetzen, ebenfalls Strassenbauer zu werden.

Bloss: Wie sollte das gehen, in seinem Alter? Er wohnte ja nicht mehr bei den Eltern, ein Lehrlingsgehalt würde ihm nicht zum Leben reichen. Der Stammgast, der längst sein Freund geworden war, anerbot sich, einen Kontakt mit seinem Chef, Dieter Schaub, herzustellen. Um zu zeigen, dass es ihm ernst war, heuerte Baliboz zunächst als Handlanger bei der H. Graf AG an. Ein Jahr später startete er seine Lehre, bei der ihm sein Lehrbetrieb beim Gehalt entgegenkam. «Dass mir diese Chance gegeben wurde, dafür bin ich sehr dankbar. Das ist nicht selbstverständlich», findet Baliboz. Seine Familie indes, gibt er zu, sei anfänglich von der Berufswahl nicht sonderlich angetan gewesen. «Heute sind sie aber sehr stolz auf mich», freut er sich.

Fiel ihm die Umstellung von der Gaststube der Pizzeria nach draussen auf die Baustelle nicht schwer? Er schmunzelt: «Natürlich musste ich mich ein wenig umgewöhnen. Aber insgesamt war der Wechsel weit weniger schwierig, als ich gedacht hatte.» Dass er zuvor schon ein Jahr im Strassenbau gearbeitet habe, sei ein Vorteil gewesen. «Schon im ersten Lehrjahr konnte ich Instrumente lesen, abstecken oder verstand Pläne. Schön war, dass ich so bereits ein wenig Verantwortung übernehmen konnte.» Baliboz lobt das gute Verhältnis in der Firma. «Es ist ein Familienbetrieb, im positiven Sinne. Wir sehen unseren Chef täglich, es ist nicht so, dass er abgeschottet in seinem Büro sitzt. Er vertraut uns, und wir bemühen uns, dieses Vertrauen zu rechtfertigen. Wir ziehen alle am selben Strick.» Gemeinsame Grillabende stärken den Zusammenhalt in der Firma. Stolz meint Baliboz: «Die H. Graf AG bearbeitet viele Baustellen im Kanton Zürich und im Kanton Aargau.»

Wie Ferien
Stellte es eine Herausforderung dar, nach so vielen Jahren wieder die Schulbank zu drücken? Baliboz räumt ein, dass er sich diesbezüglich wohl etwas mehr anstrengen musste als andere, die gleich nach der Oberstufe mit der Lehre begannen. «Aber ich wollte auch büffeln», stellt er sofort klar, «ich wollte gute Noten!» Über die Schule für Verkehrswegebauer schwärmt er: «Ich war total beeindruckt, eine so tolle Schule besuchen zu dürfen. Das ist ein Privileg. Die Anlage im Campus Sursee bietet den Schülerinnen und Schülern sehr viel, sie verfügt über eine perfekte Infrastruktur. Ich habe die Zeit dort immer sehr genossen. Wenn mich mein Chef fragte, ob ich nächste Woche wieder in der Schule sei, antwortete ich spasseshalber jeweils: Ich bin nächste Woche in den Ferien. Auch wenn ich viel gelernt habe, kam es mir manchmal tatsächlich so vor. Wir hatten auch ausgezeichnete Lehrer, die uns sehr viel beigebracht haben. In meiner Klasse gab es noch zwei Schüler in meinem Alter, so war ich kein Aussenseiter. Zudem hatten wir in der Klasse einen tollen Zusammenhalt. Wir halten noch heute Kontakt.» Baliboz berichtet weiter, seine Familie in Deutschland habe seine begeisterten Berichte über die Schule für Verkehrswegebauer gar nicht glauben wollen.

Für Baliboz war klar, dass er bei der Lehrabschlussfeier, die am 6. Juli 2017 in Unterentfelden stattfand, zu den Geehrten gehören wollte. Dafür büffelte er. Unumwunden gibt er zu: «Das musste ich auch, sonst hätte es nicht gereicht.» Seinen Klassenkameraden erzählte er von seinem Vorhaben. «Sie haben gelacht. Als ich es geschafft habe, haben sie gestaunt. Aber wenn man sich einsetzt, kann man viel erreichen. Ob auf der Baustelle oder in der Schule.» Seine nächsten Ziele hat Baliboz klar vor Augen. Er möchte sich weiterbilden. Mit seinem Chef bespricht er die weiteren Schritte, damit es auch für die Firma passt. Schon heute leitet er Baustellen. «Es ehrt mich, dass ich, obwohl ich noch nicht Vorarbeiter bin, diese Verantwortung erhalte», meint er. Um hinzuzufügen: «Ich habe einige Umwege gemacht, aber habe dennoch den für mich richtigen Beruf gefunden. Ich arbeite jeden Tag sehr gerne, ich freue mich, wenn ich mein Team sehe. Strassenbauer zu sein, gefällt mir.»

Text: Susanna Vanek, Schweizer Bauwirtschaft