Graben im Toggenburg

Das kleine Dorf Bütschwil kann bald aufatmen: Die neue Umfahrungsstrasse wird genau 3765 Meter lang, davon sind rund 1400 Meter Tunnel und 200 Meter Brücken. Spatenstich war 2014, Eröffnung ist 2020. Das B. Magazin mit einer Zwischenbilanz.

Was lange währt... Erste Pläne für eine Umfahrung von Bütschwil reichen bis in die 1950iger-Jahre zurück. Doch es sollte noch ein paar Jahrzehnte dauern, bis die verkehrsgeplagte Bevölkerung erhört wurde. Nach der ersten Etappe der Ortsumfahrungen von Wattwil 1993 und Bazenheid 2006 zwängte sich der Verkehr durch Bütschwil. Die Rede ist von rund 18 000 Fahrzeugen an einem normalen Werktag. 2014 dann endlich der Spatenstich für die Umfahrungstrasse: Die neue Linienführung nimmt Rücksicht auf die Landschaft und die Umwelt. Bütschwil wird auf einer Länge von rund 3,8 Kilometern am östlichen Dorfrand umfahren. So soll der tägliche Verkehr im Dorf halbiert werden. Die gesamte Umfahrungsstrecke umfasst nicht weniger als vier Tunnel, drei Brücken sowie eine Über- und eine Unterführung. Bauherr für das 200-Millionen-Projekt ist der Kanton St. Gallen, stellvertretender Projektleiter ist Rolf Stadelmann.

MIT NOTAUSSTIEG ABER OHNE BARBARA

«Zurzeit sind wir gut im Timing», so Rolf Stadelmann. «Letztes Jahr mussten wir im Januar zwei Wochen pausieren wegen des starken Schneefalls. Das blieb dieses Jahr bisher aus.» Als stellvertretender Gesamtprojektleiter muss Stadelmann nicht nur die Kosten, sondern auch die Termine im Blick haben. «Vor allem bei Baubeginn 2014 machte uns der Regen oft einen Strich durch die Rechnung. Wir konnten keinen Humusabtrag machen, weil der Boden zu durchnässt war.» Inzwischen, nach rund vier Jahren Bauzeit sind aber die meisten Bodenarbeiten gemacht und alles läuft planmässig. Bis auf den Tunnel Michelau werden alle anderen im Tagbau erstellt. Also keine Heilige Barbara, Schutzpatronin der Tunnelbauer, nötig. Laut Vorschrift muss jeder Tunnel, der länger als 300 Meter ist, einen Fluchtweg haben. Der Tunnel Engi ist 498 Meter lang und hat ungefähr in der Mitte einen Notausstieg. Der Tunnel führt unter der bestehenden Kantonsstrasse hindurch, danach führt die Strasse oberirdisch weiter auf die Brücke Loch. Auch sie ist bereits fertiggestellt: «Die Strecke ist für den Baustellenbetrieb freigegeben», so Rolf Stadelmann.

BAUARBEITER UND DORFBEWOHNER

Weiter Richtung Süden der Umfahrung sind die Arbeiten noch in vollem Gange. «Wir haben hier neben Tunnelbauern, Tiefbauspezialisten und Grundbauern auch Hochbauer vor Ort, zum Beispiel für den Bau der Zentralen.» Eisenleger sind ebenso zugange wie Grund- und Strassenbauer. Und dann ist da natürlich die Bevölkerung: «Wir haben viele Baustellenführungen, nicht nur die Bütschwiler haben riesiges Interesse an den Arbeiten.» Die Anwohner, die direkt betroffen sind, schauen natürlich besonders aufmerksam hin. Und auch bei den Bauten direkt haben die Anwohner ein Wörtchen mitzureden: So bekam die Brücke über den Dorfbach Lärmschutzwände aus Glas. Dies verringert den Schattenwurf, denn immerhin spannt sich die Brücke 80 Meter über das Tobel. 

TUNNELSCHALUNG IN 10 METER-SCHRITTEN

Der 480 Meter lange Tunnel Bahnhof liegt zwischen der Bahnstrecke und dem Industriegebiet Soor. Der Tagbau-Tunnel wird mittels Tunnelschalung in Zehn-Meter-Blöcken gefertigt. Dabei werden die Wände und die Decke in einem Guss angebracht und benötigen anschliessend zwei Wochen, um sich zu verfestigen. Dann wird die Tunnelschalungs-Vorrichtung auf Rollen in den nächsten Block geschoben. Insgesamt besteht der Tunnel aus 48 Blöcken. Zusätzlich sorgen Bohrpfähle und Spritzbeton für die Stabilität der Zweischalen-Konstruktion. Für den Bau des ganzen Bahnhof-Tunnels benötigte es 1000 Bohrungen für die Pfähle, die teilweise bis zu 18 Meter tief in den Boden gerammt wurden. Neben den Spezialtiefbauern ist am südlichen Tunnelausgang auch ein Hochbauteam am Werk: Es erstellt eine der drei Elektrozentralen für die Tunnel-Überwachung. Kurz vor dem Fluss Thur erhebt sich eine Felsnase im Gelände. Die musste für die Streckenführung durchbrochen werden. Rolf Stadelmann: «Der Michelau-Tunnel ist mit nur 140 Metern Länge der kürzeste auf der Strecke. Er ist der einzige, den wir bergmännisch erstellen mussten.» Das bedeutet: Der untere Bereich, bestehend aus hartem Molassegestein, wurde gesprengt, der obere Teil abgebaut. Hier kam somit die Heilige Barbara zum Zuge, die die Tunnelbauer vor dem Ungewissen in der Dunkelheit schützt. Gleich nach dem Ausfahrtsportal des Tunnels führt die Strasse über die Thur. Die Brücke hat ein Quergefälle von stolzen sieben Prozent und die Strecke neigt sich in Richtung des nächsten und letzten Tunnels Neudietfurt.

ZÄHNE AUSBEISSEN AM SÜDENDE

Hier, am südlichen Ende der Baustelle, herrscht Hochbetrieb. Zwischen dem Ende der Brücke und der Einfahrt zum letzten Tunnel fehlt noch der Aushub. «Wir müssen zuerst eine provisorische Stahlkonstruktion erstellen, damit wir die Werkleitungen aufhängen können. Erst danach können wir mit dem Aushub beginnen.» Sobald der Durchbruch der Strasse zum Tunneleingang gemacht ist, werden die Werkleitungen auf der Tunneldecke geführt. Für den Tunnelbau musste eine Hangwasser-Wanne erstellt werden. Der Baugrund ist im Fels und das Wasser würde unter der Strasse liegen bleiben. Die Wannenkonstruktion wird abgedichtet, so dass das Wasser nicht in den Beton sickern kann, sondern direkt in die Thur abfliesst. Und beim südlichen Tunnelportal kommen auch die Strassenbauer noch auf ihre Kosten: Die ersten Werkleitungsarbeiten für den Abschluss der Umfahrungsstrasse sind in vollem Gange. Der Grund besteht aus pickelharter Nagelfluh. Maschinist Peter Kühne von der Oberholzer AG beisst sich die Zähne seiner Fräsmaschine im Halbstunden-Takt aus: «Ich brauche täglich bis zu 25 neue Fräs-Zähne.» Das Material, das Kühne hier herausfräst wird übrigens gleich weiterverwertet: Im Sommer 2018 ging der Bau der 2. Etappe Umfahrung Wattwil an den Start. 

Text: B. Magazin