Die erste Frau auf dem Gleis

Die erste Frau auf dem Gleis

Ja nicht stehenbleiben: Eine Ausbildung, eine ungeahnte Chance, ein Unfall und neue Perspektiven. Wie die gelernte Hochbauzeichnerin Nadja Enzler (41) von der Serviceangestellten im «Bahnhöfli» zur ersten Frau bei der GLEISAG wurde.

Man könnte sagen, Nadja Enzler hat schon einiges gesehen und gemacht, in ihrem bisherigen Berufsleben. Jetzt gerade ist’s kurz vor 22 Uhr abends und die 41-Jährige sitzt in oranger Gleisbauer-Montur und mit zwei dicken Ordnern voller Pläne vor sich im Restaurant Sternen in Degersheim. Einen Kaffee und letzte organisatorische Vorbereitungen bevor es zum Nachteinsatz auf der Gleisbaustelle in Brunnadern/ SG geht. Doch fangen wir von vorne an: Vor rund 20 Jahren stand gar nichts von Schienen, Zügen oder Gleisen auf dem Zukunftsplan von Nadja. Sie hatte soeben ihre Lehre als Hochbauzeichnerin abgeschlossen und wollte möglichst schnell Geld verdienen und sich ein Auto kaufen. «Ich arbeitete nie auf meinem gelernten Beruf, sondern verdiente mein Geld als Serviceangestellte in verschiedenen Restaurants.» Irgendwann auch in einem ‹Bahnhöfli› irgendwo in der Ostschweiz. «Wir hatten beinahe rund um die Uhr geöffnet und es kamen viele Gleisarbeiter vor oder nach der Nachtschicht auf einen Kaffee zu uns.» Man kam ins Gespräch. «Als Hochbauzeichnerin interessierte ich mich natürlich immer noch für alles rund um den Bau. Irgendwann war da jemand von der GLEISAG, der Tochterfirma der Walo Bertschinger AG. Er schlug mir vor, ich solle mich als Sicherheitswärterin bei ihnen bewerben.» Gesagt, getan.

Nadja Enzler

Die erste Frau auf dem Gleis

«Das war im Jahr 2001. Es gab bis dahin bei der GLEISAG in Goldach nur Frauen im Büro, aber keine auf den Gleisen. Ich war nach dem Vorstellungsgespräch also etwas skeptisch», erinnert sich die taffe Ostschweizerin. Nichtsdestotrotz bekam Nadja Enzler die Stelle und absolvierte die dreiwöchige Ausbildung zur Sicherheitswärterin. «Als Sicherheitswärter musst du immer hundert Prozent bei der Sache sein. Du warnst die Jungs mit einem Signal vor herannahenden Zügen und trägst die Verantwortung für sie, schliesslich bist du ihre Lebensversicherung. Dabei musst du dich ausschliesslich auf die Züge konzentrieren, darfst nicht mit anpacken, nicht auf Toilette ausserhalb der Pause und hinsitzen geht auch nicht.» Trotzdem war es eine spannende Zeit für Nadja: «Nach drei Jahren wollte ich mehr sehen von der Gleisarbeit, ich war auf der Suche nach einer neuen Herausforderung.» Und die bekam sie: Nach einer Weiterbildung zum Ausbringen von Herbiziden führte sie eine Kleingruppe und beseitigte das Unkraut entlang der Gleise, kurz darauf wurde Nadja Enzler als Vorarbeiterin im Kabelbau eingesetzt. «Meine Jungs und ich waren verantwortlich für Kabelverlegungen und Trassierungen entlang und unter den Gleisen. Es war eine tolle Zeit, in der ich viel gelernt habe. Es ist unglaublich, was eine eingespielte Rotte mit Freude alles bewegen kann.» Bis – ja bis zu einem folgenschweren Unfall bei einem Kabelzug, der für Nadja mit einem offenen Oberschenkelbruch im Spital endete. Über ein Jahr war sie weg vom Fenster. Spital, Operationen, Reha… «Gleich nach dem Unfall wusste ich nicht, wie es weitergeht.» Denn bald war klar: Eine Rückkehr auf die Gleise ist ausgeschlossen. «Irgendwann während meiner Ausfallzeit beschloss ich, die Ausbildung zur Technischen Kauffrau zu machen. Dazulernen kann ja nie schaden!» Nadja Enzler erhielt bereits während ihrer Genesung grosse Unterstützung ihres Arbeitgebers: «Sie liessen mich wissen, dass ich auf jeden Fall zurückkommen kann und es eine Aufgabe für mich geben wird. Das hat mir eine Perspektive gegeben.»

Nadja Enzler 2

Magazin, Dispo und eine Auszeichnung

Und so kam es, dass Nadja nach ihrer Genesung kurzerhand das Magazin mit drei Mitarbeitenden übernahm, den Umzug des Werkhofs managte und nach einem überraschenden Ausfall des Disponenten auch noch dessen Aufgaben unter ihren Hut brachte. «Damals hatten wir rund 150 Mitarbeitende und acht Gleisbagger, das musste gut organisiert werden.» Bald schon übergab sie die Magazin-Leitung ihrem Nachfolger und widmete sich zu hundert Prozent der Disposition. Nebenbei absolvierte sie die Ausbildung zur Erwachsenenbildnerin. «Mir war und ist immer wichtig, nicht stehenzubleiben.» Zum Stehenbleiben blieb auch keine Zeit, denn schon bald kam ein Engpass an der nächsten Front: «Vor vier Jahren übernahm ich die Stellvertretung unseres Bauführers im Bereich Kabeltiefbau, Verlegung, Trassierung und Querungen. Die Erfahrungen, die ich hier als Vorarbeiterin gesammelt habe, nützen mir heute in meiner Position als Bauführerin.» Zudem wird die 41-Jährige auch für Spezialaufgaben eingesetzt. Wie zum Beispiel für einen grossen Auftrag für die SBB im vergangenen Jahr: «Wir durften die Fahrleitungsmasten von Frauenfeld bis Mühlheim stellen. Dafür hatten wir eine bestimmte Zeitvorgabe, das genaue Vorgehen wurde uns überlassen.» Die GLEISAG hat in Zusammenarbeit mit den Maschineningenieuren der Walo einen speziellen Greifer konzipiert, der den Mast greift, aufstellt und sich selber wieder lösen kann, ohne dass ein Arbeiter auf den Mast klettern muss. «Mit diesem Spezialgreifer lässt sich ein Mast innerhalb von zwei Minuten aufstellen und montieren.» Schnell und sicher: Dafür gabs den jährlichen Sicherheitspreis der SBB gleich noch obendrauf! Preis hin oder her, für Nadja Enzler ist die Faszination ihres Berufes einfach: «Im Gleisbau ist alles möglich. Egal, wo du gestartet bist, du kannst dich weiterbilden und mit Wille und Engagement etwas erreichen. Zudem wird es nie langweilig: Die Voraussetzungen vor Ort sind nie die gleichen, du musst dich jederzeit neu orientieren können und dich auf jeden in deinem Team auf der Baustelle verlassen können. Du bleibst nie stehen!».

Text: B. Magazin