Mit den Chlausen ins neue Jahr

Mit den Chlausen ins neue Jahr

Maske, Fätze, schwere Schuhe, braune Hose – so ist das Grund-Outfit des Strassenbaulernenden Marco Hobi an Silvester. Als echter Silvesterchlaus zieht er mit Reisig-Hemd, Schellen und einem Hut mit Kunstwerk von Haus zu Haus.

«Auf diesen Tag warten wir das ganze Jahr», erzählt Marco Hobi. Der 18-jährige Strassenbaulernende steht im Schopf in Teufen inmitten von grossen Haufen Tannenzweigen und -zapfen. Zusammen mit seiner «Schuppel» – also mit den anderen fünf Silvesterchläusen seiner Gruppe – sind sie am Vorbereiten der Kostüme. Silvesterchlausen ist ein alter Brauch in vielen Gemeinden des Kantons Appenzell Ausserrhoden, der gleich zweimal gefeiert wird. Am 31. Dezember, dem gregorianischen Silvester und am 13. Januar, dem alten Silvester nach julianischem Kalender. An diesen Tagen ziehen die Silvesterchläuse mit ihren Kostümen, Masken, kunstvollen Hüten und Schellen in Schuppeln (Gruppen) singend von Haus zu Haus, um ein gutes neues Jahr zu wünschen. «Wir singen Naturjodel», so Marco. «Als wir angefangen haben, sangen wir einstimmig. Inzwischen sind wir sechsstimmig unterwegs.» Marco ist seit acht Jahren bei der sechsköpfigen Schuppel. «Ich wollte schon immer ein Silvesterchlaus werden. In unserer Familie bin ich der Erste, in anderen Familien ist es Tradition.» In der sogenannten Goofe-Schuppel laufen die Kinder bei den Grossen mit, zu Beginn nur ein paar Häuser lang, dann immer weiter. «Bei den Kinderschuppeln dürfen auch Mädchen mitmachen, später dann sind nur noch Männer dabei.» Das liegt sicher nicht zuletzt an den schweren Kostümen, die komplett zwischen 20 und 30 Kilogramm wiegen. Dermassen ausgerüstet gilt es dann, von morgens um sechs bis Mitternacht von Haus zu Haus zu chlausen. Dabei werden einige Höhenmeter überwunden. Da ist gute Kondition gefragt!

Silvesterchlausen1

Alles handmade
Die Kostüme werden in minutiöser Handarbeit selber hergestellt. Dazu braucht es nicht nur jede Menge Tannenzweige und Zapfen. Für die kunstvollen Hüte sind viel Fantasie und Einfallsreichtum gefragt. «Man unterscheidet drei verschiedene Typen von Silvesterchläusen», erklärt Marco. «Die Schönen, die kunstvoll verzierte Hüte – oder Hauben – tragen. Die Hauben zeigen Szenen aus dem bäuerlichen Alltag, Brauchtum oder Handwerk. Die Schönen tragen zudem trachtenähnliche Kleidung. Die Schön-Wüsten, zu denen wir zählen, tragen ein Kostüm aus Tannenreisig, Moos und anderen Naturmaterialien. Auch wir tragen kunstvolle Hauben, die wir selber herstellen. Die dritte Kategorie sind die Wüsten. Sie tragen grobe und wuchtige Kostüme aus Stroh, Heu, Stechlaub und Tannenzweigen. Auf dem Kopf tragen sie Hörner und sehen ziemlich bedrohlich aus.» An den Hauben arbeitet Marco mit seinen Kollegen schonmal ein halbes Jahr lang, bis alles perfekt ist. «Wir tragen die Hauben drei bis vier Jahre, dann machen wir neue.» Für diesen Silvester stellen die Hauben unter anderem eine Hütte auf dem Alpstein und eine Gleitschirm-Situation dar. «Für die Herstellung verwenden wir Holz, beugbares Metall oder Hartschaum. Die meisten von uns haben so etwas vorher noch nie gemacht, deshalb muss man halt ausprobieren und experimentieren, bis es hinhaut.» Bei der Wahl der Sujets sind die Schuppeln frei. «Zum Glück sind bei uns ein paar Handwerker mit von der Partie, unter anderem auch ein Elektriker. Die Hauben sind nämlich von innen beleuchtet.»

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Handy Zuhause, Röhrli im Sack
Am 31. Dezember ist es soweit: Das Tageslicht ist noch in weiter Ferne, wenn Marco sich mit seiner Schuppel bereit macht. Bekleidet mit einem «gümmeleten Joope» – also einem mit Tannenzweigen behängten Hemd – einer braunen Hose,
schweren Schuhen und einem «Fäze» um den Hals, werden die verschiedenen Schellen mit Lederriemen am Oberkörper befestigt. Über den Kopf wird eine Maske aus Leder gezogen, auf der die aufwändige Haube befestigt ist. «Die Masken bekommen wir vom Sattler. Das Singen mit der Maske ist nicht ganz einfach, man muss mit dem Mund ganz nah an die Öffnung, sonst klingt es nicht gut.» Maske und Haube werden an Silvester nur in den Pausen oder wenn ein Regenguss
kommt abgelegt. Für die flüssige Zwischenverpflegung haben die Chläuse immer Röhrli mit dabei, die sie in den Mundschlitz der Maske stecken. Fertig kostümiert zieht die Schuppel um halb sechs Uhr morgens los auf ihre Route. «Wir werden heute bis zum Mittag bei 17 Häusern vorbeischauen und singen.» Pro Haus rechnet die Gruppe mit rund zwanzig Minuten Aufenthalt. «Wir haben weder Handy noch Uhr dabei, das machen wir alles nach Gefühl», so Marco. «Manchmal reicht es nicht für alle Häuser oder wir sind mit dem Zeitplan im Rückstand, aber dafür haben alle Verständnis.»

Der glücklichste Tag im Jahr
Jede Schuppel hält sich an eine strenge Choreographie: Kommt ein Haus in Sicht, fangen die Rolli, das sind der vorderste und der hinterste Chlaus, an sich zu bewegen und zu drehen. Danach bewegen sich die Schellen einzeln dazu und enden einzeln wieder, bis die letzte Schelle ausläutet. Dazwischen werden die Zäuerli, also die Jodellieder, zum Besten gegeben und die Schellen verstummen. In derselben Reihenfolge wie zu Beginn, verlässt die Schuppel das besuchte Haus wieder. Jeder einzeln, im Eilschritt. Marco ist jeweils das Schlusslicht und legt noch ein paar Extradrehungen und Tanzschritte ein. Bevor er den Hausbewohnern endgültig den Rücken zudreht, gibt es meistens noch eine kleine Geldspende, die diskret die Hand wechselt und man wünscht einander mit Handschlag ein frohes neues Jahr. «So glücklich wie an Silvester ist keiner hier», weiss Marco. «Man sieht es in ihren Augen.» Und weiter zieht die Schuppel, in einem lang gezogenen Bogen den Hügel hoch zum nächsten Haus.

Text: B.Magazin