Touchdown in Chur

Touchdown in Chur

Kein Sport für Sissis: Nach 12 Jahren im Eishockey-Tor spielt Strassenbauer Lorenzo Bargähr seit zwei Jahren American Football bei den Calanda Broncos in Chur. Und auf dem Feld geht’s ordentlich zur Sache.

«One, two, three… DEFENSE!» Der Schlachtruf hallt über den Kunstrasenplatz der Sportanlage Obere Au in Chur. Es ist acht Uhr am Mittwochabend, die Dunkelheit steigt aus dem Tal in die Bündner Berge und im gleissenden Flutlicht machen sich rund 20 Kerle in voller Montur ready für das Training: Das U19-American Footballteam der Calanda Broncos trainiert zweimal die Woche unter Headcoach Jeff Buffum, ExProfispieler aus Kalifornien. Während auf der rechten Platzhälfte die «Offense» –der Angriff – Spielzüge, Würfe und Runs übt, bereitet sich auf der linken Hälfte die «Defense» – die Abwehr – auf ihre Trainingseinheit vor. Unter ihnen: Lorenzo B. Der 17-jährige Strassenbau-Lernende ist seit einem Jahr im Team: «Ich habe zwölf Jahre Eishockey gespielt, dann wollte ich was Neues ausprobieren.» Weil ihn American Football immer schon fasziniert hat, lag ein Wechsel vom Eis aufs Football-Feld nahe. «Es ist ein richtiger Teamsport, das finde ich cool. Zudem gibt es sehr viele verschiedene Positionen, auf denen man spielen kann.» Zurzeit steht Lorenzo in der D-Line – also in der Abwehr. Möchte man die Regeln von American Football verstehen, muss man sich ein bisschen Zeit nehmen, denn ganz so einfach sind die nicht. Aber soviel kann gesagt werden: Während eines Spiels, das in vier Viertel (Quarters) zu je 12 Minuten – in den USA dauern sie 15 Minuten – ausgetragen wird, versuchen die beiden Teams aus je elf Spielern, den eiförmigen Spielball in die gegnerische Endzone zu bringen. Dort können sie ein Field Goal oder ein Touchdown machen und so Punkte gewinnen. Die Mannschaft, die in Ballbesitz ist, also die Offense, kann durch Werfen und Laufen an Boden gewinnen. Die verteidigende Mannschaft, die Defense, versucht, die Offense daran zu hindern und selbst in Ballbesitz zu kommen.

Tochdown in Chur

Die Taktik machts 
Wie man so einen Offense-Spieler am Vorwärtskommen hindert, wird heute Abend eindrücklich auf der Defense-Platzhälfte demonstriert: Lorenzo geht in Position, auf Kommando des Trainers rennt er quer über den Platz Richtung Offensiv-Spieler. «Kopf tief, Helm voraus, den Gegner um die Taille greifen und vom Platz schieben», schallt der Trainierbefehl über den Rasen. Das gelingt mal weniger, mal besser aber in jedem Fall ist der Aufprall auf den Gegner heftig. Zum Glück ist da die Ausrüstung: Jeder Spieler trägt einen Brustpanzer, der Schultern und Brustbereich schützt. Hinzu kommen Oberschenkel- und Knieschoner, ein Zahnschutz, ein Nierenschutz und Handschuhe. Ein Helm mit Gitter vervollständigt das Bild. «Es besteht natürlich Verletzungsgefahr und blaue Flecken kommen vor. Aber auch während meiner Eishockey-Zeit hatte ich zwei Muskelfaserrisse im Oberschenkel». Lorenzos Teamkollegen sind unterschiedlich gross und kräftig. Muss man kein Muskelprotz sein, um Erfolg zu haben? «Beim American Football hängt sehr viel von der Taktik ab. Und je nachdem, auf welcher Position man spielt, ist auch Schnelligkeit sehr wichtig.» Also kein zusätzliches Training im Kraftraum oder auf dem Vita Parcours? «Ehrlich gesagt reicht mir der Berufsalltag auf der Baustelle und zweimal pro Woche das Abendtraining, das schafft ganz schön!»

Touchdown in Chur2

Bester Fanclub der Schweiz 
Laut Website der Calanda Broncos ist American Football das «kompletteste Spiel der Welt»: Es vereint Strategie, Kampf, Fitness, Kraft, Geschwindigkeit, mentale Stärke, Ausdauer, Teamgeist, Liebe, Schmerz und eine riesengrosse Portion Spass. Natürlich erreicht American Football in der Schweiz nie den Status, den der Sport in den USA hat. Dort wird praktisch täglich trainiert – vom Kindergarten bis zum College. Trotzdem ist der Kampf um das Ei gerade im Graubünden sehr populär. Head Coach Jeff Buffum erklärt sich das so: «In Chur ist der Fussball nicht so populär wie in anderen Städten der Schweiz. Unsere Teams haben meist mehr Zuschauer als Chur 97.» Überhaupt haben die Broncos die «besten Fans der Schweiz» – an der Meisterschaft 2017 pilgerten 1500 Zuschauer zum Spiel, die Tribüne war voll besetzt. «Unsere Fans begleiten uns auch zu praktisch jedem Auswärtsspiel, ob in Bern oder bis nach Genf, das spornt uns zusätzlich an», erzählt Lorenzo. Ziel der Calanda Broncos ist der Kampf um den Schweizer Meistertitel und mittelfristig zu den Top 25 in Europa zu gehören. Die Mannschaft kämpft dabei in der Liga mit den Basel Gladiators, den Berner Grizzlies, den Geneva Seahawks, den Winterthur Warriors und den Luzern Lions um die Punkte. Also dann: Go go go Calanda Broncos!

Text: B. Magazin